Mein Großvater im Krieg 1939-1945

Mein Großvater im Krieg

Mein Großvater im Krieg 1939 - 1945. Erinnerung und Fakten im Vergleich. Mit einem Geleitwort von Wolfram Wette und einem Nachwort von Helmut Donat

Donat Verlag
Borgfelder Heerstraße 29, D-28357 Bremen
www.donat-verlag.de

 
 

Buchinformationen

4. Auflage, 2013
216 Seiten
46 Abbildungen
ISBN 978-3-943425-02-4
14.80 € (online kaufen )

 

Ausführliche Verlagsbeschreibung

Umfragen zufolge sind heutige Jugendliche über die Zeit des Nationalsozialismus besser informiert als die erste Nachkriegsgeneration. Gleichwohl wünschen sie sich einen Opa, der „kein Nazi“, sondern lieber im Widerstand war. Eine repräsentative Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Emnid belegt: Fast die Hälfte der Deutschen geht davon aus, die eigenen Eltern oder Großeltern hätten dem Nationalsozialismus sehr negativ oder eher negativ gegenübergestanden. Von den Befragten mit höherem Bildungsniveau schrieben sogar 56 % ihren familiären Zeitzeugen eine NS-kritische Position zu. Nur 6 % räumten ein, ihre Vorfahren seien eher positiv (4 %) oder gar sehr positiv (2 %) eingestellt gewesen. Würde das stimmen, hätte das NS-Reich von Gegnern nur so wimmeln müssen. Das Gegenteil war der Fall. Allein die Wahlergebnisse in der späten Weimarer Republik lassen an diesem familiären Geschichtsbild der Deutschen berechtigte Zweifel aufkommen. Dass die Enkel lieber von einem Anti-Nazi-Opa als von einem Nazi-Opa abstammen möchten und ihnen eine Familiengeschichte ohne Nationalsozialismus und Holocaust lieber ist, mag verständlich sein – wie aber war und ist es wirklich?

Darauf gibt ein neues Buch bedenkenswerte und überraschende Antworten. Über Wochen und Monate hinweg hat der junge Historiker Moritz Pfeiffer seine Großeltern, vor allem seinen Großvater, nach deren Haltung und Erlebnissen im Dritten Reich und Zweiten Weltkrieg befragt. Beide ließen sich vom NS-Regime begeistern und waren, wenn man so will, „Entscheidungsträger“. Wie viele andere dienten sie willfährig dem NS-Staat, sei es als BDM-Führerin oder als Wehrmachtsoffizier. Was wussten sie von der Verfolgung von Juden, der grausamen Behandlung von Kriegsgefangenen und anderen Verbrechen? Was erlebten sie im Krieg, sei es an Frontabschnitten oder an der „Heimatfront“? Wie gingen sie nach dem Krieg mit ihren offenbar gewordenen Irrtümern um? Und wie beantworteten sie die Fragen ihres Enkels nach der „Chronologie und Kausalität der Grausamkeiten“? In umfangreichen Interviews gaben die Großeltern ihm Auskunft. Er zeichnete alles auf und machte daraus ein Erinnerungsbuch. Die achtzig Seiten waren, so Moritz Pfeiffer, „ein Erfolg im Familienkreis, als ich sie zu Weihnachten als Geschenk präsentierte.“

Doch das war erst der Anfang. Die Erinnerungen des Großvaters verglich er – alle Angehörigen erklärten sich damit einverstanden – mit den verfügbaren zeitgenössischen Quellen (Briefe aus der Zeit vor und nach 1939, Militärzeugnisse, Materialien der im Bundesarchiv / Militärarchiv verwahrten Wehrmachtsakten und Kriegstagebücher der Militäreinheit des Großvaters etc.). Bereits in den Gesprächen mit den Großeltern waren ihm Widersprüche, Unstimmigkeiten und Ausflüchte aufgefallen. Nun mehrten sie sich. Um das Erzählte des Großvaters zu analysieren und zu beurteilen, was sich an den Orten seiner Stationierung als Offizier wirklich ereignet hat, berücksichtigte Pfeiffer zudem die Erkenntnisse der neueren Militärgeschichtsschreibung und historiografischen Forschung.

Das Ergebnis: Die Erinnerungen der Großeltern waren häufig verharmlosend und unstimmig, augenscheinlich bemüht, insbesondere die eigene Verantwortung und Beteiligung zu minimieren – wenngleich wohl ohne aktive Täuschungsabsicht. Behauptungen wie „von den deutschen Verbrechen oder verbrecherischen Befehlen nichts gewusst zu haben“ hielten der Realität nicht stand. Unsensibel blieben die Großeltern auch über sechzig Jahre danach gegenüber den Leiden der Opfer.

Bei all dem hat es sich Pfeiffer nicht leicht gemacht. Er respektiert und liebt seine Großeltern, und dennoch kommt er nicht umhin, sie als „belastet“ einzustufen und zu schreiben: „Meine Großeltern waren zeit- und teilweise Augenzeugen, ja sogar mit ausführendes Organ eines Vernichtungskrieges und Genozids unvorstellbaren Ausmaßes.“ Als Historiker, so Wolfram Wette in seinem Geleitwort zu dem Buch, „argumentiert Moritz Pfeiffer quellennah, kenntnisreich, problembewusst und unprätentiös. Er gefällt sich nicht in der Pose des Anklägers, sondern beschränkt sich auf die Rolle des sensiblen, aber zugleich hartnäckigen und wissbegierigen Rechercheurs. So gelingt es ihm, an einem familiengeschichtlichen Beispiel die Mechanismen von Erinnern, Vergessen und Verdrängen sichtbar zu machen.“ Kurzum: ein Buch das ebenso ungewöhnlich wie wegweisend sein dürfte. Es eröffnet die Chance zu einem neuen Umgang mit der Vergangenheit, der die Nachgeborenen auf eine Weise freimacht von der Last ihrer Väter und Großväter, Mütter und Großmütter, wie es bislang so nicht der Fall gewesen ist.

Aus dem Inhalt

Geleitwort, Wolfram Wette: Großvaters Kriegserinnerungen unter der Lupe des Historiker-Enkels.

 
 
 
Die wollten uns kaputtmachen
Kindheit in der Weimarer Republik
Da habe ich mich nach vorne geschoben
Im Jungvolk: die Jahre bis 1939
Man hatte den Verdacht, dass die SS rücksichtslos vorging
In Polen
Der weiße Staub der Champagne
Krieg gegen Frankreich
Ich hatte das letzte deutsche Pferd im Regiment“
Überfall auf die Sowjetunion
Ich gehe nicht in russische Gefangenschaft
Auf dem Weg nach Stalingrad
Anständig und lebend da rauskommen
Bombenkrieg und Besatzung in Frankreich
Nach vorne schauen und anpacken
Untergang, Gefangenschaft, Neuanfang
Mein Bruder hat unter seiner Aufgabe gelitten
Siegfried bei der Waffen-SS

Nachwort, Helmut Donat: Mütter und Großmütter, Väter und Großväter: „Mit den Nazis nie etwas am Hut gehabt“?

 

Rezensionen und Interviews (Auswahl)

Unprecedented, a new approach, encouraging
David Crossland, SPIEGEL-Online International11.04.2012
Unbeirrt, aber ohne Anklage, ungewöhnlich, eindringlich
Christian Staas, Die ZEIT03.05.2012
Controversial new book examines family´s selective memory of the war
Michael Petrou, MacLean´s Magazine (Kanada), S. 3314.05.2012
Importante para a vida contemporânea e numa sociedade democrâtica
Carolina Vila-Nova, Folha de Sao Paulo (Brasilien), S. A2406.05.2012
Überaus lesenswert und lehrreich
Andreas Fasel, WELT am Sonntag15.07.2012
Nazitiden är ocksa alltid familjehistorija
Barbro Eberan, SvD Kultur (Schweden), 15.08.2012
Anrührendes und intellektuell anmutendes Buch ohne Reinwaschungs- oder Racheglüste
Pieke Biermann, Deutschlandradio Kultur06.09.2012
Book stires interest in families´ Nazi-Era History
David Crossland, SPIEGEL-Online International04.10.2012
Ohne Eifer, ohne Zorn, das Porträt einer Generation
Benedikt Erenz, Die ZEIT10.01.2013
Interview mit dem Bayerischen Rundfunk BR2
Sendung Notizbuch, Moderator Oliver Buschek11.10.2013
Gespräch "Mit Erinnerung leben" beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2013
Deutscher Evangelischer Kirchentag Hamburg 2013. Dokumente, herausgegeben von Silke Lechner und Heide Stauff, Gütersloh 2014, S. 636-647.
Weggesehen? Befürwortet? Mitgewirkt? Nationalsozialismus und Holocaust als Teil unserer Familiengeschichten
Mitschnitt eines Vortrags im Stadtmuseum Baden-Baden im Auftrag des SWR und der Landeszentrale für polit. Bild. Baden-Württemberg, 22.10.2014
Gemeinschaftsinterview mit Channah Trzebiner - Autorin des Buches "Die Enkelin"
Hessischer Rundfunk hr-INFO, Sendung Gesellschaft, 22.01.2015
Interview mit dem Bayerischen Rundfunk
Sendung "Die Frage", Reporterin Elisabeth Veh, 22.05.2015
 

TV-Auftritte (Auswahl)

Deutsche Welle

Sendung „Agenda“ vom 29.01.2013

Topics:
Fading Memories - How to Remember Nazi Past
Sexism Outcry - Time for a new Feminism?
Should UK leave the European Union?

 
 

ARD-Einsplus

Sendung „Klub Konkret“ vom 06.02.2013
Thema: „NS-Zeit? Was geht mich das noch an?“

"Du Jude!" ist auf Schulhöfen "wieder" zum Schimpfwort geworden und Statistiken belegen einen ansteigenden Antisemitismus im deutschen Alltag. 2013 jährt sich die Machtergreifung Hitlers zum 80sten Mal, bald leben keine Zeitzeugen mehr unter uns. Ist die Zeit der unbedingten "Kollektivschuld" also vorbei?

 
 

ARD

Sendung „Günther Jauch“ vom 24.03.2013

TV-Kritiken zur Talkshow

Moritz Pfeiffer bei Günther Jauch
 
 

ZDF

Sendung „Aspekte“ vom 28.03.2014 mit Tobi Schlegl

Themen u. a.:
Mein Opa ein Nazi? Die neue Perspektive der Enkelgeneration auf das Dritte Reich
Ai Weiweis spektakuläre Ausstellung in Berlin
Die Zukunft der Sprache: Rapperin Sookee und Hip Hopper Marteria

Mit Tobi Schlegl