Plädoyer für den Videobeweis

28.06.2014

Der Fußball des 21. Jahrhunderts ist manchmal zu schnell für das menschliche Auge. Was in anderen Sportarten längst selbstverständlich ist, wird jedoch weiter abgelehnt: der Videobeweis bei strittigen Szenen. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

DFB-Pokalfinale 2014, 64. Minute: Mats Hummels köpft nach einem Freistoß das 1-0 für den BVB, Bayern-Verteidiger Dante kann den Ball nur noch hinter der Linie klären. Schiedsrichter Florian Meyer entscheidet jedoch auf Weiterspielen, in der Verlängerung siegt Bayern München mit 2-0.
Auftaktspiel der WM, 70. Minute: Brasilien tut sich schwer gegen Kroatien, da sinkt Angreifer Fred bei einer Strafraumszene zu Boden. Eine gelbwürdige Schwalbe, doch Schiedsrichter Yuichi Nishimura entscheidet auf Elfmeter, Brasilien gewinnt das Spiel 3-1.

Haarsträubende Fehlentscheidungen durch die Schiedsrichtergespanne verfälschen regelmäßig Fußballspiele. Hanebüchene „Siege“ wie jene des FC Bayerns oder Brasiliens haben ein Beigeschmack. Betrogen werden dadurch alle: Spieler, Trainer und Betreuer, die hart arbeiten, um sportliche Ziele zu erreichen; Fans, die keine Kosten und Mühen scheuen, um ihre Idole zu unterstützen; Sponsoren, die Millionen investieren. Den Referees kann man dabei nicht immer Vorwürfe machen. Fehler sind menschlich, die Spiele mittlerweile so schnell, dass nicht alle Szenen einwandfrei mit dem bloßen Auge erkennbar sind. Umso unverständlicher ist es, dass der Fußball sein verstaubtes Regelwerk nicht schon längst modernisiert hat und sich so schwer damit tut, seine Schiedsrichter mit technischen Hilfsmitteln zu unterstützen.

Die Einführung der Torlinientechnik bei der WM in Brasilien ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Sie hilft aber nur punktuell. Mexiko wurden in seinem Auftaktspiel gleich zwei reguläre Treffer wegen vermeintlichen Regelwidrigkeiten verweigert, im Champions League-Finale 2013 durfte Frank Ribéry ungestraft Robert Lewandowski mit einer Tätlichkeit zu Boden strecken. Viele strittige Szenen, die trotzdem spielentscheidend sind, spielen sich vor der Torlinie ab. Dabei bietet sich eine einfache und kostengünstige Lösung für das Dilemma.

Videobeweis: Effizient, zeitgemäß, kostengünstig

Das Szenario: Jede Mannschaft hat pro Spiel zwei oder drei Mal die Möglichkeit, einen Videobeweis für eine strittige Szene anzufordern. Dabei muss sie klar artikulieren, was überprüft werden soll: War der Ball im Tor oder nicht, stand ein Spieler beim Tor im Abseits, hat es eine Tätlichkeit oder ein elfmeterwürdiges Foul im Strafraum gegeben? Am Spielfeldrand überprüft der vierte Offizielle am Bildschirm die Szene und teilt das Ergebnis dem Hauptschiedsrichter mit. Die Spielunterbrechung ist kurz. Eine subjektive Deutung kann zwar nicht gänzlich ausgeschlossen werden, die Überprüfung am Bildschirm liefert aber in jedem Fall verlässlichere Ergebnisse als die Entscheidung in Echtzeit.
Durch die Beschränkung auf einige wenige Videobeweise pro Spiel würde nicht jede Szene überprüft, sondern nur ausgewählte, je nach Bedürfnis der Mannschaften. Durch die kurze Unterbrechung bliebe der Spielfluss gewährt. Die Schiedsrichter hätten weniger Leistungsdruck, gleichzeitig aber einen fast unverändert hohen Stellenwert. Die nötige Fernsehtechnik ist schon in jedem Stadion der höheren Ligen vorhanden, die Einführung des Videobeweises wäre also – im Gegensatz zur Torlinientechnik – mit sehr geringen finanziellen Mitteln möglich.

Bei schnellen Sportarten wie Tennis und Hockey sind zeitgemäße technische Hilfsmittel nicht mehr wegzudenken. Im Fußball spricht man gerne davon, dass Fehlentscheidungen den Sport menschlich halten und letztlich das Salz in der Suppe sind. Mats Hummels hätte darauf wohl gerne verzichtet.