Bilanz sticht Befindlichkeiten

15.10.2014

Die Tübingerinnen und Tübinger sollten Boris Palmer als Oberbürgermeister wiederwählen. Die Erfolge seiner Politik wiegen Irritationen über manche persönliche Eigenheit auf. Eine subjektive Wahlempfehlung.

Ein Septemberabend im Technologiepark Tübingen-Reutlingen: Bei sommerlichen Temperaturen amüsieren sich die Besucherinnen und Besucher einer After-Work-Party, ein DJ legt Musik auf. Nach und nach füllt sich die Tanzfläche. Der Tübinger Oberbürgermeister ist daran nicht unbeteiligt: Boris Palmer ermutigt die Gäste und tanzt selbst ausgelassen. Er mag dabei zwar ungelenkig und entrückt aussehen, doch es scheint ihm völlig egal zu sein, was andere über seinen Tanzstil, seine Ausgelassenheit denken mögen. Für ihn – so wirkt es – zählt in solchen Momenten nur, einem Drang nachzugeben, der ihn überkommt – in diesem Fall zu tanzen.

„Ecken und Kanten“

Nur eine kleine Episode, doch ihr Kern wird am 19. Oktober über den Ausgang der Tübinger OB-Wahl mitentscheiden: Palmer, der eine zweite Amtszeit anstrebt, ist niemand, der sich zurückhält und beobachtet, wenn es taktisch vielleicht klug wäre. Im Gegenteil: So wie er dem Drang nach ausgeflipptem Tanzen nachgibt, schweigt er keineswegs, auch wenn eine Diskussion ihm schaden könnte. Palmer redet den Menschen nicht nach dem Mund und geht keinem Streit aus dem Weg. Er erscheint aufbrausend und – ja, auch das – mitunter rechthaberisch und eitel. Mit seiner Art hat sich Palmer nicht nur Freunde gemacht. Bei der Wahl am Sonntag sollten trotzdem die Erfolge seiner Politik honoriert werden – und nicht manche Eigenheiten seiner Persönlichkeit bestraft werden.

Erfolgreiche Politik

Palmers Bilanz nach acht Jahren als Oberbürgermeister ist hervorragend. Tübingens Haushalt ist ausgeglichen, die Wirtschaft boomt, die Einnahmen steigen. Die Stadt wächst, während gleichzeitig die CO2-Emmissionen sinken – ein zentrales Anliegen des GRÜNEN-Politikers Palmer. Wissenschaft und Forschung profitieren von exzellente Bedingungen. Das Betreuungsangebot für Kinder zwischen einem und drei Jahren ist in keiner westdeutschen Stadt besser. Woche für Woche besuchen nationale und internationale Delegationen Vorzeige-Bauprojekte wie die nachhaltigen Stadtquartiere Französisches Viertel, Mühlenviertel oder neuerdings die Alte Weberei. In engem Zusammenspiel mit Gemeinderat und Stadtverwaltung hat Palmer acht Jahre lang überaus erfolgreiche Arbeit geleistet.

Verfolgt man den Wahlkampf der vergangenen Wochen, so scheint diese Bilanz in den Diskussionen erstaunlich wenig Raum eingenommen zu haben. Wichtiger erschienen tatsächliche oder vermeintliche Skandale um die Person Palmers: die Tierversuche im Max-Planck-Institut, zu denen Palmer – obwohl formal nicht zuständig – klar Stellung bezog, eine verwehrte Apfelschorle in einer Albhütte, verschiedene Facebook-Diskussionen über Falschparker, Standorte für Diskotheken oder Geschwindigkeitsbegrenzungen. In jedem Einzelfall kann man anderer Meinung sein als Boris Palmer – auf sachliche Diskussionen wurde zugunsten schriller Töne jedoch mehrheitlich verzichtet.

Alternativen zu Palmer?

Beatrice Soltys heißt die ernsthafteste Gegenkandidatin im Rennen um das Tübinger Rathaus. Die derzeitige Fellbacher Baubürgermeisterin zeigt im Wahlkampf jedoch häufig erstaunliche Schwächen – mangelnde Kenntnis der Stadt Tübingen und seiner Bürgerschaft, unklare politische Ziele, ein unsouveränes, wenig charismatisches Auftreten. Als einziges konkretes Gestaltungsvorhaben führt Soltys immer wieder an, mehr Parkplätze bauen zu wollen, um dem Image Tübingens einer autofeindlichen Stadt entgegenzuwirken. Darüber hinaus scheint sie keine Pläne zu haben, die von Boris Palmers Zielen grundlegend abweichen. Während Soltys erst im Falle eines Wahlsieges in Tübingen heimisch werden möchte und ganz offen eingesteht, sich in vieles erst einarbeiten zu müssen, ist Palmer seit zwei Jahrzehnten in Tübingen verankert und kennt die Stadt in- und auswendig.

Tübinger Befindlichkeiten entscheiden

Letztlich bleibt es bis Sonntag spannend, für wen die Tübingerinnen und Tübinger sich entscheiden werden: für den bekannten und bewährten Amtsinhaber mit all seinen „Ecken und Kanten“, wie zahlreiche lokale und überregionale Zeitungsartikel schrieben – oder die verwaltungstechnisch mit Sicherheit sehr kompetente, insgesamt aber blasse Herausforderin. Dass in letzterem Fall auch zukünftig Medien von FAZ über taz bis hin zum SPIEGEL über die OB-Wahl des 85.000 Einwohner zählenden Städtchens berichten, kann mit Recht bezweifelt werden. Dieser Umstand ist wohl eher auf das Format Palmers zurückzuführen. 

Allen Eigenheiten zum Trotz: Boris Palmer sollte am Abend des kommenden Wahlsonntags als alter und neuer Oberbürgermeister wieder einen starken Drang verspüren – zu tanzen. Es wäre Tübingen zu wünschen.