OB-Wahlkampf in Tübingen hat begonnen

11.09.2014

Im Gemeindehaus Lamm stellten sich gestern drei Oberbürgermeister-Kandidaten für Tübingen vor. Amtsinhaber Boris Palmer beendete den Abend als Punktsieger, Herausforderin Beatrice Soltys blieb wolkig und Spaßkandidat Häns Dämpf hatte einige Lacher auf seiner Seite.

Großer Andrang im Gemeindehaus Lamm: Der große Saal platzte aus allen Nähten, als gestern drei der Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters in Tübingen aufeinander trafen. Geschätzte 200 bis 250 Bürgerinnen und Bürger verfolgten das Gespräch zwischen Amtsinhaber Boris Palmer (Bündnis 90/GRÜNE), Herausforderin Beatrice Soltys (parteienlos) und Spaßkandidat Markus E. Vogt alias Häns Dämpf (Die PARTEI). Eingeladen hatte die unabhängige Wählervereinigung „Tübinger Liste“, Reinhard von Brunn und Klaus Dieter Hanagarth moderierten. Die Veranstaltung teilte sich auf in eine Fragerunde zur persönlichen Vorstellung der Kandidaten, die Themen Verkehr, Wohnen und Aufenthaltsqualität, Publikumsfragen sowie eine kurzweilige Zusammenfassung des Abends.

Herausforderin

Soltys, derzeit Baubürgermeisterin in Fellbach, musste in der Rolle der Herausforderin Amtsinhaber Palmer offensiv angehen, machte dabei aber sowohl rhetorisch als auch inhaltlich nicht die beste Figur. Sie räumte ein, sich erst seit einiger Zeit intensiver mit Tübingen zu beschäftigen, sich in viele Bereiche noch einarbeiten zu müssen und auch erst dann konkretere Angaben zu Zielen, Maßnahmen und Visionen nennen zu können. Entsprechend blieb sie überwiegend wolkig und formulierte Allgemeinplätze, worauf das Publikum zunehmend unzufrieden reagierte. Dies spiegelte sich wieder in kritischen Nachfragen gleich mehrerer Bürgerinnen und Bürger. Dabei wirkte es nicht so, als würde die fachliche Qualifikation der Kandidatin infrage gestellt. Angesichts von Beatrice Soltys´ langjähriger, auch personalführender Tätigkeit in Kommunalverwaltungen wäre dies auch fehl am Platze. Vielmehr riefen ihre ausbaufähig wirkende stadtspezifische Kompetenz und Kenntnisse Skepsis hervor. Neben konkreten Eckpunkten ihres Wahlprogramms wartete die versammelte Bürgerschaft vergeblich auf eine Erläuterung über die Motive ihrer Kandidatur. Soltys versicherte zwar, im Falle eines Wahlsieges ihren festen Wohnsitz nach Tübingen zu verlegen. Den unausgesprochen im Raum schwebenden Verdacht, ihre Kandidatur sei eher ein folgerichtiger Schritt auf der persönlichen Karriereleiter, keineswegs aber eine städtespezifische Herzensangelegenheit, konnte die Kandidatin so jedoch schwer ausräumen.

Amtsinhaber

Verwaltungsprofi Soltys machte so beinahe zwangsläufig eine schlechtere Figur neben Boris Palmer, der sich ebenfalls als Verwaltungsprofi, aber – im Gegensatz zu seiner Herausforderin – auch als Politik- und Tübingenprofi präsentieren konnte. Palmer zog eine positive Bilanz seiner ersten Amtszeit und erklärte, diesen Weg fortsetzen zu wollen bei gleichzeitiger Verschiebung mancher Prioritäten. So sei etwa geplant, das Stadtbild durch Investitionen in den Bereich der öffentlichen Sauberkeit und die Pflege der Grünflächen zu verschönern. Angesichts der Weltwirtschaftskrise und dem Streben nach einem schuldenfreien Haushalt seien in den vergangenen Jahren zwangsläufig andere Prioritäten gesetzt worden. Nun erlaube die Finanzlage aber entsprechende Kurskorrekturen. Palmer plädierte zudem eindeutig für eine Stadtbahn, um insbesondere für Pendler aus dem Umland einen Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Nahverkehr attraktiver zu machen und die Verkehrssituation in Tübingen zu entlasten. Ob Absicht oder nicht: Die Frage, inwiefern die Stadt während der Bauphase der Stadtbahn durch Staus, Sperrungen und Lärm belastet würde, blieb unbeantwortet. Insgesamt verstand es Palmer, klare Statements, Ankündigungen und kleine Spitzen abzugeben.

Satiriker

Der dritte im Bunde an diesem Abend – Markus E. Vogt alias Häns Dämpf – hatte mit unkonventionellen Vorschlägen wie einer Kombination aus Stadtbahn und Stadtseilbahn, dem von ihm angestrebten Umstieg vom Auto auf emissionsfreie Bobbycars sowie dem Konzept einer geilen, essbaren Stadt Tübingen viele Lacher auf seiner Seite. Eine wichtige Forderung seines Programms – die Einrichtung eines Atommüll-Endlagers im Französischen Viertel – konnte er leider nicht unterbringen. Seine Satire hätte Vogt allerdings hier und da pointierter und knackiger vorbringen können. Auch versäumte er es, das Mittel der Satire stärker einzusetzen, um auf konkrete Missstände hinzuweisen. Teile der anwesenden Bürgerschaft machten ihrem Unwillen über den mangelnden Ernst Luft. Damit signalisierten sie aber in erster Linie zwei Dinge: erstens einen bemerkenswerten Mangel an Humor und zweitens ein Unverständnis dafür, dass dort ein junger, politisch interessierter Mensch vor einem großen Publikum Engagement zeigte und ein Statement abgab.

Und gerade politisch interessierte junge Menschen – so das durchaus kritische Schlusswort – waren am gestrigen Abend leider Mangelware.

OB-Wahl Tübingen 2014: Gespräch der Kandidaten, v.l. Beatrice Soltys, Markus Vogt, Boris Palmerzoom
OB-Wahl Tübingen 2014: Gespräch der Kandidaten, v.l. Beatrice Soltys, Markus Vogt, Boris Palmer