Das Glück auf zwei Rädern

17.02.2015

Ein Rahmen, zwei Räder, ein Kettenantrieb, einige Komponenten: Fahrräder sind im Grunde wenig komplex. Doch mit filigraner Technik und Muskelkraft lassen sich ganze Welten entdecken. Eine Liebeserklärung an das Fahrrad.

Mont Ventoux, Sommer 1999. Die Sonne brennt auf den Asphalt, die Straße windet sich 21 Kilometer unerbittlich den Berg hinauf – von 300 Metern über dem Meer bis auf über 1900m. Auf der breiten Kuppe des Berges wächst gar nichts, kein Baum, kein Strauch. Die Wüste aus hellem Geröll und Stein ist aus der Ebene gut erkennbar. Von unten sieht es so aus, als läge auch im Hochsommer Schnee. Der Mistral fegt häufig so stark über den freistehenden Berg, dass sich die Vegetation bis auf 1600m hinab zurückgezogen hat.

Mit einem gelb-blauen Peugeot-Stahlrennrad machte ich mich damals auf den Weg, den Giganten der Provence zu erobern. Unendlich langsam kroch ich den Berg hoch, mit einer der Übersetzung geschuldeten niedrigen Trittfrequenz, mit zuckenden Muskeln und Schweiß in den Augen. Bei einer Passage mit 10 % Steigung auf drei Kilometern stieß ich an meine Grenzen, wurde immer langsamer, würgte die Kurbel herum – und wollte anhalten, aus dem Pedal ausklicken. Warum ich es nicht getan habe, weiß ich bis heute nicht, aber ich fuhr weiter, und kurz darauf wurde die Straße plötzlich für einige hundert Meter flach. Die Freude und Euphorie über diesen persönlichen Sieg sind mir noch heute präsent. Obwohl noch sechs steile Kilometer zu fahren waren, wusste ich in diesem Moment, dass ich es schaffen würde. Nach gut anderthalb Stunden Fahrtzeit erreichte ich den Gipfel mit der Radarstation.

Ich wollte Dir, nur mal eben sagen…

Meiner ersten Hochgebirgsfahrt sind viele weitere gefolgt: in den Alpen, im Schwarzwald, dazu Rennen, Radmarathons und zehntausende Trainingskilometer. Es gab gute Tage mit phänomenalen Beinen und schlimme Tage mit Totaleinbrüchen. Am Fernseher verfolgte ich Jan Ullrichs Kämpfe bei der Tour de France. Die unvergessliche, fast achtstündige Etappe nach Andorra-Arcalis, bei der er 1997 ins gelbe Trikot fuhr, sah ich von der ersten bis zur letzten Minute. Die Gewissheit, dass ihn und so viele andere nicht nur Training, Wasser und Pasta schnell machten, ändert nichts an den vielen euphorischen Stunden des Mitfieberns und Daumendrückens.

Nach vielen tollen Momenten auf dem Rad, ist es nun an der Zeit, einmal danke zu sagen. Dieser Text ist ein Loblied auf ein Verkehrsmittel, dessen im Kern einfache Technik Horizonte erschließt. Ob Rennrad, Mountainbike, Trekkingrad, Cruiser oder Lastenvelo – das Fahrrad bringt Menschen weiter als ihre Füße tragen, ist umweltverträglicher als ein konventionelles Auto und gesünder als Busse und Bahnen. Elektroantriebe erweitern den Mobilitätsradius erheblich, erleichtern auch bewegungsunwilligeren oder älteren Menschen die Radtour und entschärfen hügelige Strecken.

Zur Zeit erlebt das Fahrrad eine Renaissance. In Zeiten des Klimawandels, aber auch der Wirtschaftskrisen ermöglicht es nachhaltige, verhältnismäßig günstige Mobilität. Mancherorts unterstützt die Politik diesen Trend bereits. London oder Kopenhagen setzen immer stärker auf den guten alten Drahtesel. Zudem drängen innovative Geschäftsmodelle rund um das Fahrrad auf den Markt. Als eingefleischter Radfahrer hoffe ich, dass sich dieser Trend verstärkt fortsetzt – und der politische Wille vorhanden ist oder eingefordert wird, nachhaltige Mobilitätskonzepte rund um das Fahrrad in unseren bislang auto-optimierten Städten zu etablieren.

Ein kleines Stückchen Glück

Tübingen, 2015. Ein kalter, trister Tag im Februar. Es wird nicht wirklich hell. Nieselregen sammelt sich auf der Brille. Die Straßen sind nass und rutschig. Der Rücken schmerzt, die Beine sind schwer. Die dicken Klamotten saugen sich mit Wasser voll, hängen klamm am Körper. Gegenwind peitscht kalt ins Gesicht. Ein Autofahrer überholt hupend und viel zu eng – der Teufel soll ihn holen. Die Strecke kennt man in- und auswendig. Auf den letzten Metern sind die Finger eiskalt gefroren. Ich stelle das Rad an die Hauswand. Es war mal wieder herrlich.

Am Fuß des Mont Ventoux, Sommer 1999
Ein kleines Stückchen Glück
Foto: Copenhagenize Design Co. / Mikael Colville-Andersenzoom
Foto: Copenhagenize Design Co. / Mikael Colville-Andersen